Unterwasserarchäologische Untersuchungen eines mittelalterlichen Seuchenareals
Was zunächst wie einzelne, zufällige Knochenfunde im flachen Wasser vor Heiligenhafen erschien, entpuppte sich bei genauerer Untersuchung als eines der außergewöhnlichsten unterwasserarchäologischen Projekte, an denen die Scientific Diving Association e.V. Kiel beteiligt war. Auf engem Raum fanden sich menschliche und tierische Skelette in einer Dichte und Erhaltung, wie sie für das Mittelalter äußerst selten ist, ein stilles Zeugnis einer der größten Katastrophen der europäischen Geschichte.
Im Auftrag des Archäologischen Landesamtes Schleswig-Holstein übernahm die SDA Kiel die taucherische Untersuchung dieses sensiblen Fundortes. Ziel war es, die Hinweise aus früheren Jahrzehnten systematisch zu überprüfen, die Fundstelle zu sichern und Daten für die archäologische Auswertung zu liefern. Die zweiwöchige Probegrabung entwickelte sich dabei zu einem groß angelegten Projekt, das weit über eine reine Bestandsaufnahme hinausging und neue Einblicke in den Umgang mit Seuchen, Tod und Tierhaltung im 14. Jahrhundert ermöglichte.
Fundgeschichte und Anlass der Untersuchungen
Erste Knochenfunde von Mensch und Tier wurden Ende der 1970er-Jahre in einem westlich von Heiligenhafen gelegenen Moorgebiet entdeckt. Die Funde wurden nur teilweise dokumentiert und unterschiedlich interpretiert, jedoch nicht abschließend untersucht und gerieten in der Folge in Vergessenheit.
Durch Küstenverlagerungen und Erosion wurden 2011 erneut Knochen im flachen Wasser der Ostsee freigelegt und führten zu einer erneuten Bewertung der Fundstelle durch das Archäologische Landesamt Schleswig-Holstein und zur Beauftragung der Scientific Diving Association e.V. Kiel mit einer taucherischen Untersuchung.
Im Rahmen der zweiwöchigen Probegrabung übernahm die SDA Kiel die Erfassung, Freilegung und Sicherung der Knochenfunde. Bereits zu Beginn der Arbeiten offenbarte sich ein ausgedehntes Fundareal mit dicht gelagerten menschlichen und tierischen Skeletten, teils übereinanderliegend.
Die Probegrabung entwickelte sich damit zu einem umfangreichen Projekt, das erstmals eine belastbare Grundlage für die spätere historische Einordnung der Fundstelle als mutmaßlichen Pestablageplatz des 14. Jahrhunderts schuf.
Ergebnisse der Probegrabung und historische Einordnung
Die geborgenen Knochen datieren in die Mitte des 14. Jahrhunderts, in den Zeitraum um 1348 bis 1350. Dieser Zeitraum fällt mit dem ersten Auftreten der Pest in Schleswig-Holstein zusammen. Neben menschlichen Überresten wurden in großer Zahl Tierskelette gefunden, darunter Pferde, Rinder, Schafe und Schweine. Insgesamt konnten unter anderem neun Pferde- und acht Rinderskelette dokumentiert werden.
Die auffällige Dichte und großflächige Lagerung der Skelette, teilweise übereinanderliegend, spricht gegen einzelne Ereignisse wie Unfälle oder Überschwemmungen. Auch eine Interpretation als rituelle Opferstätte gilt nach heutigem Forschungsstand als unwahrscheinlich. Vielmehr deutet die Zusammensetzung der Funde auf ein Massengeschehen hin.
Das gleichzeitige Auftreten zahlreicher Nutztiere spricht gegen das Vorliegen einer Tierseuche. Wahrscheinlicher ist, dass die Tiere infolge der Entvölkerung ganzer Siedlungen nicht mehr versorgt werden konnten und in den Ställen verendeten oder im Zuge der Seuchenmaßnahmen getötet wurden. Nach dem mittelalterlichen Krankheitsverständnis galt „schlechte Luft“ als Ursache der Pest. Verstorbene wurden daher häufig außerhalb der Siedlungen abgelegt. Der an dieser Stelle nachweisbare Teich diente vermutlich als Entsorgungsort für menschliche und tierische Kadaver. Dies erklärt die heutige flächige Verteilung sowie die teilweise übereinanderliegende Schichtung der Skelette.
Bedeutung der Funde
Archäologisch stellen die Funde einen besonderen Glücksfall dar. Mittelalterliche Tierskelette liegen der Forschung in der Regel nur fragmentarisch und meist als Schlachtabfälle vor. In Heiligenhafen hingegen konnten weitgehend vollständige Skelette geborgen werden, die wertvolle Rückschlüsse auf Tierhaltung, Größe, Nutzung und Lebensbedingungen im 14. Jahrhundert erlauben.
Die Untersuchung erfolgte auf einer Fläche von rund zehn Quadratmetern. In den oberen Sedimentschichten waren die Knochen gut zugänglich, während darunterliegende Mergel- und Kreideschichten die Bergung erschwerten. Die Funde wurden gesichert und der zuständigen Abteilung für Haustierkunde des Archäologischen Landesamtes für weiterführende Untersuchungen übergeben.
Durchführung und Öffentlichkeitsarbeit
Die Arbeiten wurden von einem Team aus Forschungstauchern, Unterwasserfilmern sowie unterstützenden Kräften an Land durchgeführt. Während der Grabungsphase wurde die interessierte Öffentlichkeit vor Ort über die Arbeiten informiert. Bereits in den 1970er-Jahren geborgene Fundstücke wurden in einem Zelt ausgestellt und erläutert. Die Dauer der Grabung war stark witterungsabhängig, insbesondere von Wellengang und Sichtverhältnissen.
Ein außergewöhnliches Projekt
Das Projekt stellte eines der umfangreichsten und bedeutendsten archäologischen Vorhaben der SDA dar. Es verbindet Unterwasserarchäologie, historische Seuchenforschung und Umweltgeschichte und liefert bis heute wichtige Erkenntnisse über den Umgang mit Krankheit, Tod und Tierhaltung im Mittelalter.
Auch wenn die großangelegte wissenschaftliche Auswertung inzwischen abgeschlossen ist, bleibt das Gebiet ein eindrucksvolles Zeugnis vergangener Ereignisse und ein Beispiel für die Bedeutung ehrenamtlich unterstützter archäologischer Forschung im Küsten- und Unterwasserbereich.
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