Die Schweinswalpopulation in der westlichen Ostsee befindet sich seit einigen Jahren im deutlichen Rückgang. Forschungsergebnisse der Universität Aarhus zeigen, dass Beifang in Stellnetzen neben weiteren Stressoren wie Sauerstoffmangel, Umweltbelastungen, Lärm und eingeschränkter Nahrungsverfügbarkeit zu den zentralen Risikofaktoren zählt. Besonders kritisch ist dabei die Verstrickung junger Tiere, die in Netzen ertrinken, bevor sie sich fortpflanzen können.
Der Kleine Belt ist ein wesentliches Fortpflanzungs- und Aufzuchtgebiet dieser Population. Gleichzeitig führt die intensive Nutzung durch Stellnetzfischerei zu erhöhten Risiken für Beifang und zur Entstehung von Geisternetzen. Verlorene Netze verbleiben häufig über lange Zeiträume im Wasser und gefährden Meeressäuger, Fischbestände sowie benthische Lebensräume darunter auch Hummerbestände. Bei Bergungen konnten wir mehrfach lebende Hummer und Kleintiere aus festhängenden Netzen freisetzen, was den Bedarf schonender Bergungsmaßnahmen deutlich macht.
Mit unserem Projekt Geisternetze - Falle oder Habitat leisten wir einen enormen Beitrag zum Artenschutz, indem wir Netzfunde erfassen, bewerten und tauchgestützt bergen. Unsere Einsätze umfassen sowohl tiefere Wrack- und Riffstrukturen als auch küstennahe Bereiche, die insbesondere für die Jungtiere der Schweinswale von Bedeutung sind.
Vorgehen und Förderung
Unsere Ziele sind die Reduktion netzbedingter Risiken, der Schutz empfindlicher Lebensräume sowie die Qualifizierung und Einbindung unserer Taucherinnen und Taucher in sichere Bergungsprozesse. Das Projekt wird durch unseren Partner TRIXIE unterstützt und in enger Abstimmung mit regionalen Akteuren wie Naturpark Lillebælt und Netop-Nu umgesetzt. Auf diese Weise verbinden wir wissenschaftlich fundierte Bewertung mit operativer Umsetzung.
Vor dem Hintergrund der aktuellen Forschung gilt die Reduktion netzbedingter Risiken als eine der wenigen Maßnahmen, die kurzfristig wirksam zur Stabilisierung der Population beitragen können.
Biologie und Verbreitung der Schweinswale
Der Schweinswal (Phocoena phocoena) ist die einzige dauerhaft in der Ostsee vorkommende Walart. Weltweit existieren mehrere Schweinswalpopulationen, die sich genetisch, ökologisch und in ihrer Gefährdungssituation unterscheiden. In europäischen Gewässern werden unter anderem Populationen im Nordatlantik, in der Nordsee sowie in der Ostsee unterschieden.
Die Ostsee-Schweinswale bilden eine eigenständige, besonders kleine und vulnerable Population. Innerhalb der Ostsee werden zwei Vorkommen abgegrenzt: eine Population in der zentralen Ostsee sowie die sogenannte Beltsee-Population, zu der die Tiere der westlichen Ostsee, einschließlich des Kleinen Belts, der Kieler Bucht und angrenzender Gebiete zählen. Diese Population ist genetisch isoliert und weist eine geringe Individuenzahl auf.
Schweinswale sind kleine Zahnwale mit einer Körperlänge von etwa 1,4 bis 1,9 Metern. Sie leben meist einzeln oder in kleinen Gruppen und halten sich bevorzugt in küstennahen, flachen Gewässern auf. Fortpflanzung und Aufzucht erfolgen in relativ geschützten Gebieten mit ausreichendem Nahrungsangebot. Der Kleine Belt gilt als eines der wichtigsten Reproduktions- und Aufzuchtgebiete der Beltsee-Population.
Nahrung und ökologische Rolle
Schweinswale ernähren sich überwiegend von kleinen Schwarmfischen und bodennah lebenden Arten. In der westlichen Ostsee gehören unter anderem Grundeln, Heringe, Sprotten, Dorsche im Jugendstadium sowie verschiedene Plattfische zum Nahrungsspektrum. Als Spitzenprädatoren spielen Schweinswale eine wichtige Rolle im marinen Nahrungsnetz. Sie reagieren sensibel auf Veränderungen im Ökosystem, etwa auf Rückgänge von Fischbeständen oder Störungen ihrer Lebensräume. Veränderungen in ihrem Vorkommen gelten daher als Indikator für den Zustand des marinen kosystems.
Bestandsabschätzung und Monitoring
Die Erfassung von Schweinswalbeständen erfolgt mit verschiedenen Methoden. Dazu zählen linienbasierte Flugzeug- und Schiffszählungen, bei denen Tiere visuell erfasst werden, sowie passive akustische Verfahren. Schweinswale orientieren sich mit hochfrequenten Echolauten, die mit speziellen Unterwasserrekordern (C-PODs, F-PODs) aufgezeichnet und ausgewertet werden können.
Gerade in der Ostsee spielen akustische Methoden eine zentrale Rolle, da Schweinswale oft kurz auftauchen, schwer sichtbar sind und sich häufig in trüben Gewässern aufhalten. Langzeitmessungen zeigen deutliche Rückgänge in der Präsenz, insbesondere in Teilen der westlichen Ostsee.
Aktuelle Studien weisen darauf hin, dass die Sterblichkeit der Beltsee-Population regelmäßig die biologisch tolerierbaren Schwellenwerte überschreitet. Besonders problematisch ist der Verlust geschlechtsunreifer Tiere, da dies direkte Auswirkungen auf die Reproduktionsfähigkeit der Population hat.
Quellen
Sveegaard, S. et al. (2024):
A negative trend in abundance and exceedance of mortality thresholds call for conservation action for the vulnerable harbour porpoise population in the Belt Sea.
Universität Aarhus / Department of Ecoscience. (HELCOM BLUES / EU-gefördertes Projekt)
Aarhus University – Artikelzusammenfassung zum Forschungsstand:
Forskere slår alarm: Hvert år dør alt for mange marsvin i fiskernes garn (AU-Ecoscience)
Nabu - Schweinswale als Opfer verfehlter Meerespolitik
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