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Geisternetze

Geisternetze zählen weltweit zu den gravierendsten Formen marinen Mülls. Es handelt sich um herrenlose Fischfanggeräte, die sich während des Einsatzes losgerissen haben oder von ihren Eigentümern abgeschnitten wurden, etwa weil sie sich an Wracks, Felsen oder anderen Hindernissen verhakt hatten. Diese Netze treiben frei im Wasser, verfangen sich an Wracks oder verbleiben über Jahre bis Jahrzehnte am Meeresboden und stellen eine erhebliche Gefahr für marine Ökosysteme, die Schifffahrt und den Tauchsport dar.

Schätzungen zufolge gehen allein in der Ostsee jährlich bis zu 10.000 Fischernetze verloren. Weltweit besteht nahezu ein Zehntel des marinen Abfalls aus Geisternetzen. Aufgrund ihrer Materialzusammensetzung aus Kunststoffen wie Nylon, Polyester oder Polyethylen zersetzen sich diese Netze nicht biologisch, sondern zerfallen langfristig in Mikroplastik sowie chemische Abbauprodukte wie Weichmacher oder Imprägnierstoffe.

Falle oder Habitat?

Vor diesem Hintergrund haben wir als Scientific Diving Association e.V. (SDA) ab 2015 das drittmittelgeförderte Projekt „Geisternetze – Falle oder Habitat?“ initiiert. Ziel des Projektes ist die systematische Erfassung, Bewertung und sofern erforderlich, die Bergung von verloren gegangenem Fischfanggerät in der Ostsee sowie die Untersuchung seiner ökologischen Auswirkungen.

Ein zentraler Bestandteil des Projektes ist der Aufbau eines webbasierten Meldesystems zur Erfassung von Netzfunden und Netzverlusten. Dieses System haben wir gemeinsam mit Sport- und Forschungstauchern sowie Beteiligten aus der Fischerei entwickelt, um Sichtungen und Verluste strukturiert zu dokumentieren.

Meldesystem und Datenbank

Wir haben das Meldeportal ab 2015 aufgebaut und 2018 um eine eigene Datenbank ergänzt, die im selben Jahr öffentlich zugänglich wurde. Über eine dreisprachige Weboberfläche können Meldungen unter Angabe von Funddatum, Fundort und sofern vorhanden, GPS-Position eingetragen werden.

Das System richtet sich an Sport- und Forschungstaucher, Berufs- und Nebenerwerbsfischer, Segler, Berufsschifffahrt und andere Wassersportler.

Unser Ziel ist es, Netzverluste zeitnah zu erfassen, um eine Bewertung und gegebenenfalls eine kurzfristige Bergung zu ermöglichen. Gleichzeitig können gemeldete Verluste im Optimalfall wieder aufgefunden und den Eigentümern zurückgeführt oder entsprechend entsorgt werden.

Ab 2019 haben wir das Portal verstärkt beworben und die Zahl der Einträge deutlich erhöhen können. 2020 folgten eine Überarbeitung des Layouts und technische Optimierungen zur Verbesserung der Benutzerfreundlichkeit. Eine ausführliche Projektbeschreibung steht als Info-PDF zum Download bereit.

Untersuchung, Bergung und Bewertung

Parallel zum Aufbau des Meldesystems führen wir regelmäßige Taucheinsätze zur Überprüfung gemeldeter Fundstellen durch. Vor Ort lokalisieren und dokumentieren wir Geisternetze und bewerten ihr Gefährdungspotenzial.

Besondere Aufmerksamkeit gilt der Frage, ob ein Netz - eine akute Gefahr für Meeressäuger, Fische oder Seevögel darstellt (Falle), oder ob es bereits in das marine Ökosystem integriert ist und als Habitat für sesshafte Organismen dient.

Netze ohne unmittelbare Gefahr beobachten wir in Einzelfällen über längere Zeiträume, um Erkenntnisse zu ihrer ökologischen Rolle und zum Mikroplastikeintrag alternder Kunststoffnetze zu gewinnen.

Auf mechanische Bergungsmethoden wie Schleppgeschirre oder Netzeggen verzichten wir bewusst, da sie benthische Lebensräume nachweislich schädigen. Bergungen erfolgen ausschließlich tauchgestützt.

Arbeitsweise und Einsatzgebiet

Das Untersuchungsgebiet des Projektes umfasst die westliche Ostsee, darunter: 

  • Kieler Bucht und Kieler Förde
  • Flensburger Förde
  • Fehmarnbelt und Fehmarnsund
  • Lübecker Bucht
  • dänische Ostseegebiete wie Langeland und der Kleine Belt 

Die Einsätze werden von ausgebildeten Forschungstauchern und erfahrenen Sporttauchern durchgeführt. Voraussetzung sind Erfahrung im Kaltwassertauchen, Arbeiten bei eingeschränkter Sicht, Strömung und der sichere Umgang mit Hebesäcken. Pro Jahr leisten wir rund 800 Tauchstunden an etwa 45 bis 50 Einsatztagen. Hinzu kommen Planung, Genehmigungen, Logistik sowie Dokumentationsarbeiten.

Auszeichnung und Weiterentwicklung

Für das Projekt „Geisternetze – Falle oder Habitat?“ erhielten wir 2017 den Umweltförderpreis der Stadtwerke Kiel. Diese Auszeichnung ermöglichte die Fortführung und Erweiterung des Projektes. Seitdem pflegen und entwickeln wir das Meldesystem kontinuierlich weiter. Unser Ziel ist es, die Datengrundlage zu verbessern, das Problembewusstsein zu stärken und konkrete Beiträge zum Schutz der Ostsee zu leisten.

Mitmachen

Das Projekt lebt vom Engagement vieler Beteiligter. Gesucht werden:

  • Sport- und Forschungstaucher
  • Wissenschaftler und Studierende (z. B. für Abschlussarbeiten)
  • Fischer, Angler und Seefahrer
  • Sponsoren und Unterstützer

Interessierte können sich unter info@sda-kiel.de mit der Scientific Diving Association e.V. in Verbindung setzen. 

Die Bilder können per Klick in einer vergrößerten Ansicht geöffnet werden.